Samstag, 11. April 2015

Gartenschaumkraut als Kresse-Ersatz aufs Quarkbrot

Die Senfölglycoside geben den Schaumkräutern ihren Geschmack nach Kresse.
Hier landete das behaarte Schaumkraut, auch Gartenschaumkraut genannt, auf dem Teller.
Es ist ein ganz enger Verwandter der Ackerschmalwand (Arabidopsis).
Gähnenden Leere im Kühlschrank: Ein Schälchen Quark und ein paar Scheiben Toastbrot. Quarkbrot. Wie langweilig. Damit lockt man ja nun wirklich keinen hinter dem Ofen hervor. Nach dem frustigen Blick in den Kühlschrank, folgt der bereichernde Gang durch den Garten: Da! Ein Unkraut! Und es schreit: "Iss mich!" Na wunderbar. Zaubern wird daraus doch ein Unkrautgourmet-Essen :)
Und weil das so simpel ist, gibt heute noch ein wenig "Gedankenfutter" rund um einen engen Verwanden des Schaumkrauts dazu. Wer das nicht lesen möchte: Im letzten Abschnitt steht dann, wie man Gartenschaumkraut isst.


Das behaarte Schaumkraut oder Gartenschaumkraut (Cardamine hirsuta) ist ein waschechtes Unkraut und
wuchert gerne im Garten von faulen Gärtnern...so wie bei mir.

Was Gartenschaumkraut und Arabidopsis gemeinsam haben

In meinem Garten wuchert das behaarte Schaumkraut, auch Gartenschaumkraut genannt, lateinisch Cardamine hirsuta. Es ist eine sehr enge Verwandte der Ackerschmalwand. Warum ich das sage? Die Ackerschmalwand ist ein Unkraut das viele Biologen kennen, vor allem die Botaniker: Arabidopsis thaliana  - die botanische Drosophila. Das was in der zoologischen Gentechnik die Fruchtfliege ist, ist in der botanischen Gentechnik die Ackerschmalwand. Die wächst so schön schnell und braucht nur 4 Wochen um eine neue Generation hervorzubringen. Eben ein Unkraut. Was haben wir das Genom vom Arabidopsis im Studium durchgekaut - sprichwörtlich. Damals dachte ich nicht, dass ich das mal wörtlich nehmen werde.

Das genetische Haustier der Botaniker: Arabidopsis

Um  ein Gerücht aus der Welt zu räumen: die freilebenden Arabidopsis-Arten sind von Natur aus NICHT gentechnisch verändert! Die gentechnisch hergestellten "Mutanten" sollten eigentlich unter strengen Auflagen im Labor alle einen Tod im Autoklaven bei 120 Grad sterben. Die Genetiker haben sich für Arabidopsis entschieden, weil diese nach einem Monat einen kompletten Lebenszyklus beendet hat (vom Samen bis zum Samen) und weil sich das Erbgut bei ihr recht übersichtlich gestaltet (und immer noch kompliziert genug ist) und sich fremde Gene damit "relativ" einfach einschleusen lassen. An ihr "üben" die Genetiker sozusagen das Einbauen von artfremden Eigenschaften, wie die berüchtigte Pestizidresistenz, um diese dann z.B. beim Weizen oder Mais zu integrieren, wenn sie wissen, wo und wie. Mais braucht aber viel länger, bis er Früchte trägt, das Ergebnis lässt also lange auf sich warten. Wird die neue Eigenschaft vererbt? Beim Ackerschmalwand-Pflänzchen kann man das schon nach ein paar Wochen sagen. Wie sich das dann im Mais verhält, ist noch mal ein wenig anders. Es Ist wie ein Tierversuche am Kaninchen und am Mensch, nur eben im Pflanzenreich.
Betrachtet man sich die Blüten des Gartenschaumkrauts genauer erkennt man das Kreuz, dass der Familie ihren Namen gibt: Kreuzblütler (Brassicaceae).

Ein Horror-Unkraut aus dem Labor?

Über Sinn und Unsinn genetisch veränderter Pflanzen zu diskutieren, macht an dieser Stelle keinen Sinn. Nur so viel: Wer Arabidopsis im Garten hat, sollte sich nicht vor "gentechnischen Horrorszenarien" fürchten. Das Unkraut wird nicht zu einem blutrünstigen Monster mutieren und den Nachbarhund fressen. Auch die Giftspritze kann im Schuppen bleiben: ist das tatsächlich ein entkommenes Exemplar aus einem Labor, macht man dem mit Pestiziden ohnehin nicht den Gar aus. Aufessen hilft. Mir wachen davon keine Facettenaugen und Tod umfallen werde ich auch nicht. Die Menschheit ernährt sich seid Jahrmillionen von Genen die in jeder Zelle stecken. Der menschliche Körper ist es gewohnt Gene zu verdauen, egal ob von einer Bakterie (z.B. im Joghurt..jede Menge Gentechnik!), einer Pflanzen oder einem Tier. Wir tun das jeden Tag! Alles Organische enthält Gene. Unser Verdauungsapperat nimmt die auseinander! Problemlos. Aber die Natur ist es nicht gewohnt, dass ein direkter Genaustausch vom Erbgut zum Erbgut (wie bei einer Paarung) zwischen zwei gänzlich verschiedenen Lebewesen aus völlig unterschiedlichen Familien oder gar Stämmen übertragen wird. DAS ist das eigentliche Problem. Denn da kommen Dinge durcheinander, welche die Natur in vielen Milliarden Jahren Evolution sortiert hat und in ihrem Tempo immer wieder neu kombiniert. Und plötzlich hat man das Superunkaut im Garten, immun gegen jedes Gift, aber nicht gegen Messer und Gabel ;-). Natürlich ist das ein sehr ernstes Thema. Gentechnik ist mit Bedacht einzusetzten. Sie ist einfach etwas ganz anderes, als die jahrhundertelange, mühsame Züchtung von Mastschweinrassen.
Die harten Stängel bleiben außen vor. Blätter und Triebspitzen, sowie Blütenstände können vom
Gartenschaumkraut gegessen werden. Vielleicht noch etwas kleiner schneiden?
Das ist Unkrautvernichtung ohne Gift!

 

Ein kleiner botanischer Exkurs in die Welt der Kreuzblütler

So, zurück an den Esstisch: Arabidopsis und mein Gartenschaumkraut gehören zur Familie der Kreuzblütler, jener Familie zu der auch Raps, Kohl aller Art, Senf, Meerrettich, Kresse und das Wiesenschaumkraut gehören. Letzteres ist eines der "Klassiker" unter den Wildkräutern und wird von vielen Wildkräuterleuten als das Non-Plus-Ultra der Wiesen anpriesen. Klar: Das Wiesenschaumkraut ist größer, milder und die Stiele bleiben lange weich. Anfängerkost. Das Gartenschaumkraut und die Ackerschmalwand, sind  zwei echte Hardcore-Unkräuter. Gerade weil sie so schnelllebig sind, sind die kleinen Pflänzchen schnell derb und zäh. Wer mit 3 Wochen schon im Renten-Alter ist, ist eben nicht mehr jung und knackig. Das macht sie wohl so unbeliebt auf den Tellern. Die Senfölglycoside der Kreuzblütler machen die Pflänzchen dann auch noch scharf. Da machen viele Tiere einen Bogen drum.


So lasse ich mir Unkrautvernichtung gefallen. Ein paar Gundermann-Blüten als Deko und et voilà:
ein kressiges Unkrautgourmet-Toast mit biologisch angebautem Gartenschaumkraut an duftenden Gundermannblüten.


 

Ackerschmalwand, behaartes Gartenschaumkraut und Co. sind essbar

Lange Rede kurzer Sinn: Der Mensch mag es scharf und das Gartenschaumkraut ist genauso essbar wie die Ackerschmalwand oder die Kresse und schmeckt auch ähnlich.
Allerdings: Die Senfölglycoside, wie sie für die Familie der Kreuzblütler typisch sind, werden nicht von allen Menschen gleich gut vertragen. Diese Inhaltsstoffe finden sich auch im Gartenschaumkraut. Das macht den Kressegeschmack aus. Wer Kresse nicht leiden kann, hat seine Abneigung wahrscheinlich intuitiv auf Grund von Unverträglichkeiten der Senfölglycoside entwickelt.  Solche Abneigungen bitte ernst nehmen und die Finger besser vom Schaumkraut lassen. Wer Kresse mag, der findet im Gartenschaumkraut eine nette Abwechslung zu den kleinen Kressepflänzchen.

Nicht zu unterschätzen: Der Fasergehalt eines solchen Hardcore-Unkrauts ist natürlich gewaltig. Schwerverdauliche Kost. Wer sein Unkraut aufisst, sollte auch hier nicht körbeweise ernten, sondern einfach mal mit ein paar Blättchen anfangen. Bei Gartenschaumkraut schmecken - wie ich finde - übrigens die Blütenstände am besten. Wenn ich die ab mache und esse, fällt es der Pflanze schon mal deutlich schwerer sich auszubreiten.

 Unkraut ist schön! Gundermann- und Schaumkrautblüten auf Quark-Toast.

 

Wie isst man Gartenschaumkraut?

Einfach die Blättchen von den Stielen zupfen und die Blütenstände vom Stängel trennen. Alles gut abwaschen (da die Pflanze recht klein ist und sie dicht am Boden wächst, sind schnell Sandkörner an den Blättern), kleinschneiden oder im Ganzen lassen und aufs Quarkbrot legen. Wer möchte, kann noch etwas Salz und Pfeffer drüber streuen. Lecker. Gartenschaumkraut lässt sich überall dort einsetzten, wo man Kresse auch verwendet: im Salat, Omelett, Kräuterquark oder sogar als Gartenschaumkrautsüppchen.

Wääähhhhhh! Schon wieder leer :(

Ein Wahnsinn, oder? So ein langer Artikel über ein so profanes kleines Pflänzchen und seine Verwandten.


Kommentare:

  1. Hallo Sindy,
    das klingt alles sehr interessant. Ich habe mich auch erst vor ein paar Tagen über dieses Unkraut schlau gemacht, weil es auf einmal ziemlich stark in meinem Garten auftritt. Aber es zu essen, traue ich mich dann doch irgendwie nicht.
    Viele Grüße Doris

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  2. Hallo Doris,
    schön dass du hergefunden hast und vielen Dank für Dein Interesse an meine Blog.
    Ja, das mit dem Unkraut essen erfordert oftmals ein Umdenken. Zum Anfang: einfach probieren - nur ein Blättchen! Es schmeckt würzig, irgendwie nicht nur nach Kresse, da ist noch ein Hauch von Kohl. Die Blättchen ist nicht so scharf wie man das von Kresse kennt, sondern milder.
    Ich hab mit dem Kraut angefangen, in dem ich ein paar Blüten zwecks Dekoration in den Salat gegeben hatte. Nach und nach wanderte dann immer mehr davon in meine Küche. Heute ist das Gartenschaumkraut für mich ein Gewürz wie Petersilie oder Schnittlauch. Nur weil es nicht in der Gartenabteilung zu finden ist, heißt das ja nicht, es ist nicht essbar. Mal als Gedankenanstoß: Das man Bärlauch im Gartenhandel findet, war vor ein paar Jahren noch eher eine Seltenheit. Wächst doch überall im Wald - das kauft doch keiner. Aber irgendeiner Gärtner wusste das Bärlauch irgendwann gut zu vermarkt, und plötzlich wurde aus dem Unkraut aus dem Wald eine Delikatesse, die man überall kaufen konnte. Der Mensch hat durch sein Konsumdenken einen eigenartige Einstellung zur Natur entwickelt.
    Liebe Grüße aus den Nesseln.
    Sindy

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  3. Ich würde Artikel jeweils ein weiteres Mal durchlesen, bevor ich sie ins Internet stellte. Der Inhalt mag ja noch so geistreich und witzig sein, mit Flüchtigkeitsfehlern ist er eine Zumutung.

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    1. Sehr geehrter anonyme Leser,
      wichtiger als Flüchtigkeitsfehler sind mir höfliche Umgangsformen. Dazu gehören Begrüßungen, Danke, Bitte und ein Abschiedsgruß. Dazwischen darf man gerne kritisch sein, denn Kritik kommt an und dient der Verbesserung.
      In diesem Sinne danke ich für den Hinweis und komme der Bitte nach. Artikel lese ich mir mittlerweile bei neuen Kommentaren auch ein drittes und viertes Mal durch und verbessere sie. Da ich diese Arbeit freiwillig und kostenlos mache und mich nicht nur bemühe, geistreich und witzig zu sein, sondern vor allem die Fakten auf wissenschaftliche Korrektheit und Aktualität hin überprüfe, bleibt die Erst-Korrektur häufig auf der Strecke, was nicht heißt, dass die Texte nicht weiter verbessert werden. Nach Stunden des Sammelns, des Kochens in der Küche, der Bildbearbeitung, der Formatierung und Programmierung, der Überwindung manchmal auftretender technischer Probleme, des Verfassens von Artikeln und das alles gratis für wildfremde Menschen, an denen ich mich nicht einmal bereichern möchte, muss ich schlicht dazu übergehen irgendwann zu sagen: "Korrekturen später" - da später aber bei mir auch Monate später bedeuten kann, da ich die Hektik der Gesellschaft abgelegt habe, ist die Frage: Stelle ich die Artikel mit Flüchtigkeitsfehlern behaftet online, wenn die Saison der Pflanzen gerade begonnen hat, oder mute ich Tippfehler den Lesen nicht zu, was bedeutet, dass sie Inhalte erst ein Jahr später nutzen können sich dann aber fragen und vielleicht sogar darüber ärgern, das ich so einen Artikel drei Wochen nach Saison online stelle. Ich habe mich für ersteres entschieden, da viele Leser mir für die Anregungen danken, die sie gleich umsetzten können.
      Da dieser Blog auch kein Buch ist, sondern jeder einzelne Artikel bearbeitbar bleibt, kann ich hier, je nach meinen zeitlichen Möglichkeiten, nach und nach Artikel nacharbeiten und den Blog weiter optimieren. Das ist ein ständiger Prozess. Daher bin ich für Ihren Hinweis an dieser Stelle dankbar, denn nun ist auch dieser Artikel überarbeitet. Sollte ich einen Fehler übersehen haben, geben Sie bitte einen kurzen Hinweis, vergessen Sie dabei aber nicht die Umgangsformen.
      Mit herzlichen Grüßen
      Sindy

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