Freitag, 10. März 2017

Mit einem Spitzrabau, 23 kleinen Rabauken und zwei Feuersalamander unterwegs

Ein schwarz-gelbes Pflanzerlebnis bei Regenwetter

Obstbäume mit Schulklassen im Regen zu pflanzen war schon eine besondere Aktion. Wir haben unser Exemplar, einen Spitzrabau-Apfelbaum, quer durch den Weinheimer Exotenwald zur Pflanzstelle getragen. Natürlich gab es wegen des Wetters erst mal lange Gesichter bei den Kindern: "Wie? Die Streuobst-Tante will trotzdem mit uns auf die Wiese? Bei diesem Regen?" Das zumindest war in dem einen oder anderen Gesicht abzulesen, ausgesprochen hat es keiner. Tapfere kleine Mannschaft! Belohnt wurden sie tierisch, denn wir haben nicht nur eine  Eidechse aus dem Pflanzloch gerettet, sondern auf dem Weg zur Wiese gleich mehrerer Feuersalamander entdeckt. Ein Ausflug in die Tierwelt.

Der gebänderte Feuersalamander (Salamandra salamandra ssp. terrestris)
ist aktuelle auf Partnersuche.

Die namensgebende Unterart Salamandra salamandra salamandra,
der gefleckte Feuersalamander, sucht ebenfalls nach einem passenden Paarungspartner.

Feuersalamender Lurchi: Kindheitserinnerungen und Sympathieträger

Unkrautgourmets sind Feuersalamander wahrlich nicht, denn sie ernähren sich von Schnecken, Insekten und Würmern. Damit sind sie mir sympathisch. Wer will schon Brennnesseln mit Schnecken dran essen? Doch die eigentliche Sympathie entstammt meinen Kindheitserinnerungen: Lurchis Abenteuer* . Das waren damals die Geschichten, mit denen wir zu Hause das Schreibschriftlesen geübt haben. Und was auch immer das für eine Quälerei war, Lurchi war einfach toll. Schon schade, dass viele Kinder Klassiker wie diesen heute kaum mehr kennen.

Ammenmärchen: Vom Killerlurch und tödlichen Ohrenschmalz

Das Feuersalamander keine Eier legen, sondern bewegliche Larven in Wassergeburt zur Welt bringen, das ist schon etwas Besonderes, aber die Kinder interessierte natürlich am meisten das Gift. Als ich davon erzählte, dass Feuersalamander am Rücken Giftdrüsen haben mit denen sie ihr ganz eigenes Gift bis zu einen Meter weit schießen können und dass diese Drüsen auch am Ohr sind, da schaute mich ein Mädchen mit großen Augen an: "Die schießen giftiges Ohrenschmalz?" Ähm. Nein, nicht wirklich. Wenn Salamander Ohren hätten, würde das Gift sicher wohl auch das Ohrenschmalz vergiften. Aber Ohren haben sie nicht. Sie "hören" Vibrationen und somit auch Schall mit dem ganzen Körper. Das Gift ist ein Alkaloid, also eine Stoffgruppe, welche die Wildkräuter-Fans unter euch sicher nicht fremd ist, denn Alkaloide finden sich recht häufig in giftigen Pflanzen wie den Nachtschattengewächsen z.B. der Tollkirsche. Der Feuersalamander synthetisiert aber seinen eigenen Alkaloid-Cocktail, der sogar nach ihm benannt wurden. Daraus kann man ein echtes Mantra machen: Samandarin, Samandaridin und Samandaron. Das dem Gift das "l" aus dem Salamander fehlt, liegt wohl daran, dass Chemiker keine systematischen Zoologen sind. Vielleicht hatte der Zoologe aber auch einen Sprachfehler oder der Chemiker einen Hörschaden. Oder der Biochemiker war so ein tippender Fehlerteufel, wie ich es bin und dann hat einfach ein "l" gefehlt :). Es darf gemutmaßt werden. Ich tippe auf Hörschaden, denn sonst müsste es z.B. Salamanderin heißen - mit "e", nicht mit "a". Heißt ja auch Salamander. Aber vielleicht bin ich auch zu sehr Biologe und zu wenig Chemiker und die ganze Nomenklatur hat doch einen wirklichen Hintergrund. Ich lasse mich da gerne aufklären.

Abwehrmittel: Ein fungizider und bakterizider Lurch

Wie auch immer nun die Giftstoffe geschrieben werden, Menschen sterben daran nicht. Allerdings kann Salamander-Gift auf zarter Kinderhaut und bei empfindlichen Menschen brennen und ins Auge sollte man das auch nicht bekommen. Das Gift dient in erster Linie der Abwehr. Besitzer von jungen Hunden oder Katzen sollten bei Feuersalamandern jedenfalls lieber einen Bogen um die Lurche machen, denn wenn ein junger Hund in einen Feuersalamander beißt, dann ist das äußerst unangenehmen, im schlimmsten Fall auch tödlich. Doch die meisten Haustiere werden es überleben und daraus ihre Lehren ziehen: Nämlich nie wieder in eine schwarz-gelbe-Wurst zu beißen. In erster Linie jedoch dient das Gift der Hautpflege. So ein Lurch verbringt einen Großteil seines Lebens in feucht-modrigen Winkeln im Wald oder Höhlen - Heimat unzähliger Mikroorganismen, die aufs Zersetzen ausgelegt sind. Die feuchte Haut des Feuersalamanders wäre ein optimaler Nährboden für  Schimmelpilze und Bakterien, wenn, ja wenn da nicht die Gifte wären, die eben Schimmelpilze und Bakterien am Wachstum hindern. Trickreiche Natur.

Seltenheiten: Vom Feuersalamander und Spitzrabau

Auf der Roten Liste ist der schwarz-gelbe Lurch - noch - nicht zu finden, hat aber bereits den Status von "besonders geschützt" erreicht, sozusagen die Vorstufe der vom Aussterben bedrohten Arten. Es gibt also noch Hoffnung. Im Weinheimer Exotenwald kriechen auf alle Fälle mindestens 2 Exemplare herum. Und irgendwie ist es schön zu wissen, dass man solche Tiere vor der Haustüre hat und dass sie, sofern sie nicht unter die Räder oder in eine Hundeschnauze kommen, durchaus 20-50 Jahre alt werden können. 20-50 Jahre! Dann sind die Viertklässler von gestern erwachsen, haben hoffentlich einen Partner fürs Leben gefunden, einen schönen Beruf und eine glückliche Zukunft. Vielleicht kommen sie dann zu ihrem gestern gepflanzten Baum zurück, vielleicht sogar mit ihren eigenen Kindern und sammeln die lustig geformten Äpfel auf. Denn dann ist unser gepflanzter Spitzrabau  ein stattlicher Baum im ertragsfähigen Alter geworden und erfreut Mensch und Tier, weil er doch etwas Besonderes ist. Die Odenwälder Lokalsorte galt viele Jahre als verschollen. Von der Sorte her an sich ist der Spitzrabau bis auf die spitz zulaufenden Äpfel nicht besonders. Die Äpfel haben kein besonderes Aroma und sind noch nicht mal lange lagerfähig. Saften und Backen kann man mit ihnen aber prima. Das Besondere ist eher der Baum, denn als Apfelbaum ist der Spitzrabau sehr robust und anpassungsfähig, wird sehr alt und sehr groß und bietet damit wieder Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten und Äpfel. Wer weiß schon, ob im Jahr 2067, nicht ein Apfelbaum gesucht wird, der genau diese Eigenschaften besitzt, z.B. um den Klimawandel zu trotzen? Ob in seiner Krone nicht eine Flechte wächst, die als Mittel gegen Krebs entdeckt wird, oder zu seinen Füßen ein Feuersalamander kriecht, dessen Gift als Mittel gegen multiresistente Keime weiterentwickelt wird. Wir müssen weiter denken. 7 Generationen weiter. Wir wissen nicht was kommt, daher ist es so wichtig, zu erhalten, was wir haben und nicht alles immer nur auf den sofortigen, persönlichen Profit zu richten. Immerhin: In 50 Jahren stehen dann hoffentlich an der  badischen Bergstraße zwischen Weinheim und Schriesheim ein paar  Spitzrabau-Apfelbäume im besten Alter, denn ich werde neben dem Exemplar in Weinheim diesen Monat noch 2 weitere Bäume mit Schulklassen pflanzen dürfen und ich bin gespannt, was wir dabei erleben.
Mein Dank geht an dieser Stelle den Unesco Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald, der die Bäume gespendet hat.
Pressebericht in den Weinheimer Nachrichten


Auflösung vom Bilderrätsel

Ja! Mein anonymer Rätselknacker hat des Rätsels Lösung aus dem vorherigen Beitrag gefunden: ein Fliegenpilz. Stimmt, kann kaum etwas anderes sein, auch wenn ich beim Betrachten des Rätselbildes in erster Linie an einen verschimmelten Erdbeerkuchen dachte. Herzlichen Glückwunsch :).

Unverkennbar: Der Fliegenpilze. Er stammt aus der selben Gattung Amanita wie der Knollenblätterpilz.
Auch wenn man sie beide nicht essen kann, sind sie als  Mykorrhiza-Pilze wichtige Helfer
unserer Waldbäume und sollten daher auch nicht zerstört werden. Hauptwirkstoff ist nicht das Muskarin,
sondern die Ibotensäure, die binnen 2 Stunden nach dem Essen auf das Nervensystem wirkt und in
schweren Fällen auch zum Tod führen kann.
Apropos Erdbeerkuchen:  Jetzt ist auch endlich wieder Zeit, die Wildkräutersaison zu starten.

Kommentare:

  1. Cool! Ich hab's erraten. Bin übrigens die Tina. Dann bin ich nicht mehr ganz so anonym. Ich liebe deinen Blog und freu mich, dass du nach der langen Pause wieder schreibst. Dein Buch vom Weihnachtsbaum hab ich voriges Jahr auch gekauft. Nächstes Jahr wollen wir einen Bio-Baum kaufen, wissen jetzt auch, wo's welche gibt. Ich staune immer wieder über dein detailreiches Wissen, schon klar als Biologin, aber trotzdem. Ist ja nicht jeder Biologe auf heimische Wildkräuter und Wildtiere spezialisiert. Freu mich auf weitere Posts von dir. Alles Gute.

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Tina,
    ja, gut geraten! Wenn du möchtest schicke ich dir als Preis ein Giersch-Pflänzchen ;). Schön, dass Dir mein Blog gefällt. Das motiviert. Manchmal muss eine Pause einfach sein, dann gibt es auch wieder genügend Zeit sein Wissen wieder aufzufrischen oder neues zu lernen, so wie letzte Jahr in der Streuobst-Ausbildung. Manches was ich hier schreibe (gerade die ganzen Namen der Inhaltsstoffe), schaue ich aber auch jedes Mal wieder nach, weils einfach nicht im Kopf bleiben will. Aufschreiben hilft mir immens, mir solche Details zu merken. Daher ist das Bloggen für mich so was wie eine Lernhilfe geworden. Schön, dass man dabei auch noch Menschen für die Natur begeistern kann.
    Liebe Grüße aus den knöchelhohen Nesseln
    Sindy

    AntwortenLöschen