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Montag, 6. Juli 2015

Ein rosa Ackerunkraut auf der Roten Liste: Die Kornrade - nur gucken, nicht essen!

Die Kornrade ist gefürchtet und gefährdet

"Junge Frau, was machen Sie denn da im Acker?", erbost und gleichzeitig neugierig purzelte der Bauer von seiner Leiter im Kirschbaum und sprang zu mir herüber, noch unsicher, ob er nun mit mir schimpfen sollte oder was lernen konnte. "Hier wächst eine gefährdete Pflanze: die Kornrade. Ich bin so froh, dass es sie hier im Rhein-Neckar-Raum noch gibt. Wenn das Ihr Acker ist, haben Sie hier was ganz Besonderes stehen." Der Bauer wollte sich natürlich keine Blöße geben: Ja, er wisse doch schon längst das da "Kornmate" wächst. Ich musste mir ein wenig das Lachen verkneifen. Dann sein verlegener Zusatz: "Aber so richtig wissen tue ich über die Blume nichts." Na, aus dieser Verlegenheit konnte ich heraushelfen.

Kornraden sind sehr selten geworden.
Agrostemma githago  - die Kornrade ist ein seltenes und giftiges Ackerunkraut.

Der Alptraum der Bauern

3-5 Samen reichen, um Vergiftungserscheinungen zu bekommen. Es beginnt mit einem Kratzen im Mund  und Rachen, geht weiter mit Überkeit und Erbrechen, bis hin zu Kreislaufstörungen, die im schlimmsten Fall auch zum Tod führen. Deswegen war die wunderschöne Kornrade im Mittelalter ein echter Horror für die Bauern. Je nach Feldergröße reichte bereits der Samenstand einer einzigen Blume, um das Mehl einer ganzen Ernte zu vernichten.  Nun wächst die Kornrade auch häufig nicht allein am Stängel sondern bringt gelegentlich auch verzweigte Exemplare hervor, mit einer Blüte an jedem Ende.
Mehrerer Blütenstände an der Kornrade.
Mit 5 Samenständen an einer Pflanze hätte das Mehl eines kleinen Kornackers
im Mittelalter schon eine ganze Familie vergiften können.

Ein Ackerunkraut, dass sich nicht zähmen ließ

Einige Zeit hat man versucht, die giftigen Triterpensaponine, welche die ganze Pflanze vollständig giftig machen, aber vor allem in ihren Samen stecken, auch medizinisch zu nutzen. Das musste aber recht häufig schief gegangen sein, denn irgendwann hat man es unterlassen das Ackerunkraut als Heilpflanze zu "domestizieren" und sich gänzlich auf die Vernichtung dieses Nelkengewächs konzentriert.
Diese Ackerunkraut sollte man auf keinen Fall essen: Die Samen sind giftig.
Noch ist die Samenkapsel nicht ausgereift, birgt aber schon jetzt ein tödliches Potential.
Auch der Rest der Pflanze sollte auf keinen Fall gegessen werden.

Eine rosa Blume sieht rot

2003 war die Kornrade "Blume des Jahres" und steht für viele Naturschützer als Sinnbild der Zerstörung der Artenvielfalt durch Unkrautvernichter wie Glyphosat und Co. Die Blume mit den hübschen rosa Blütenblättern hat es schon längst auf die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Arten gebracht. Ist nicht schlimm? Stimmt, die bereits 15 ausgestorbenen Ackerunkrautarten, die in der dritten Fassung der Roten Liste der Bundesrepublik standen, vermisst auch kein Mensch.  Und über 80 weitere Ackerunkräuter stehen noch in der Warteschleife in den Pflanzenhimmel. Die Kornrade ist eine von ihnen.
Uns Menschen mag das erst mal von Nutzen sein, dass wir die Kornrade bis zu ihrer Ausrottung gebracht haben, aber viele Tagfalter verlieren wieder einmal eine Art, die ihnen als Nahrungsquelle dient. Und wer weiß, vielleicht würde es die Wissenschaft ja heute schaffen, daraus ein ultimative Heilmittel für irgendeine schlimme Krankheit zu finden, aber wir sind nach wie vor auf Vernichtung ausgelegt.



Ein Acker mit Kornrade - heute eine echte Seltenheit.
Das gleich hinter diesem wunderbaren Naturschatz, dem Kornrade-Acker,
 ein Kornfeld liegt, ist heute kein Problem: Unser täglich Tod... Pardon, ich meine Brot ...
wird ja mehrfach mit Unkrautvernichtern wie Glyphosat gespritzt.

Das Ende der Geschichte

Schöne und weniger schöne Geschichten begegnen mir auf meinem Streifzug nach Nahrung durch Wald und Wiese. Dies war eine der netten, erfreulichen, aber auch ein wenig schwermütigen Begegnungen, in Anbetracht der Tatsache, dass wir es bestimmt schaffen, auch die Kornrade von der Erde zu spritzen. Der Bauer stand nach meinen Vortag noch einige Momente gedankenverloren und tief versunken in den Anblick der giftigen Schönheit vor ihm da. Dann schaute er in meinen Korb mit den  Brennnesselsamen und schüttete grinsend seine  Kirschen obenrauf: "Damit die junge Frau Kraft hat und weiter bei der Hitze über meine Äcker schleichen kann." Na, dann werde ich ihm bei unserer nächsten Begegnung etwas über Brennnesselsamen erzählen müssen :).
Die Kornrade ist ein gefährdetes Ackerunkraut.
Ob wir irgendwann einmal vor einer Kornrade stehen und sagen: "Schau Kind,
das war mal eine Pflanze die  fast ausgestorben ist. Aber wir habe es geschafft! Heute darf sie
wenigsten hier und da wieder wachsen." Einen neuen Fan mehr hat die Kornrade:
einen waschechten, schriesheimer Bauern :)

Freitag, 25. Juli 2014

Welches Unkraut ist das und kann man das essen? Der Ackergauchheil

Oft werde ich gefragt: Sag mal, weiß Du was das für eine Pflanze ist und kann ich die essen?  So auch hier: Zugeschickt wurde mir das Bild von einer Blogleserin, die mich fragte, was denn da so hübsch rötlich bei ihr übermäßig im Garten blüht  und ob sie das irgendwie als Gemüse zubereiten kann. Hier die Antwort:
Das was da im Garten wächst ist Ackergauchheil (Anagallis arvensis). Zum Essen ist er leider wegen einiger giftiger Saponine nicht geeignet. Aber es gibt einiges über ihn zu erzählen....

Ackergauchheil (Anagallis arvensis)

Die hübsche, zarten orange-roten Blüten des Ackergauchheils

Eine Räucherpflanze gegen böse Geister 

Früher und teilweise auch heute noch, wird er in sehr speziellen Räuchermischungen verwendet. In alten Tagen haben die Menschen daran geglaubt, dass Gespenster den Gauchheil meiden, weshalb man damit die Häuser regelmäßig ausräucherte. Auch heute noch verwenden Geisterjäger und Schamanen den Gauchheil in ihren Räuchermischungen, um Tatorte zu reinigen in denen z.B. ein Mord begangen wurde oder an denen "böse Schwingungen"  herrschen. Der Rauch der heil macht, der Rauch-Heil wurde als Wort zu Gauchheil verschleppt.
Alternativ zum Räuchern gibt es den Aberglauben ein Säckchen voll getrocknetem Gauchheil in die Winkel des Hauses zu hängen und so einen Schutz vor dem Bösen zu bekommen. Das Säckchen lässt sich wohl auch um den Hals hängen, dann soll es vor häufigem Nasenbluten schützen. Ob das stimmt? Wer Spaß dran hat kann das mal selbst ausprobieren. Bei  häufigem Nasenbluten ist aber in jedem Fall zusätzlich ein Arztbesuch anzuraten.

Eines der ältesten Psychopharmaka

Der Gauchheil gehört zu einem der ältesten, natürlichen Psychopharma: Man setzte ihn bereits vor über 2000 Jahren gegen Schwermut oder Tobsuchtsanfälle ein. Das kleine Pflänzchen ist also wirksam gegen extreme Gefühlsneigungen in beide Richtungen. In die Schulmedizin ist der Ackergauchheil aber nie vorgedrungen. Einzig bis in die Homöopathie hat er es geschafft, wo einen D3-Potenzierung gegen juckende Hautausschläge, Geschwüre und Psoriasis, aber auch bei  Nerven-, Leber- und Gallenerkrankungen eingesetzt wird.

Die Selbstmedikation mit Ackergauchheil ist nicht empfehlenswert

Tee aus Ackergauchheil hat dank der psychoaktiven Substanzen eine schmerzlindernde Wirkung und wurde  z.B. bei Zahnschmerzen angewendet. Auch bei Asthma, Husten und Atemnot wurde ein Tee aus Gauchheil verabreicht. Eine sehr vorsichtige Dosierung kann die Entgiftung der Leber anregen und Schadstoffe aus dem Körper ausleiten. Dennoch empfiehlt es sich nicht, den Ackergauchheil in Selbstmedikation anzuwenden ohne das Hinzuziehen eines naturheilkundigen Arztes, denn eine Überdosierung kann im Gegenzug schnell zu Nierenschäden führen.

Ein überall verfügbares, schwaches Pfeilgift für die Jagd

Die Gattung Anagallis existiert auch in Amerika mit einigen Arten. Das die Gattung giftig ist, wussten auch die Indianer, die ihre Pfeilspitzen einst mit Pflanzensaft aus Gauchheil bestrichen und es als schwaches Pfeilgift nutzten. Da die Pflanze rechte häufig anzutreffen ist, war das ein sehr praktischen Mittel, da es sich nahezu überall finden ließ. Vielleicht wächst der Gauchheil ja auch in Eurem Garten. Dann wisst Ihr nun ein wenig mehr über das unscheinbare, kleine Pflänzchen mit der großen Wirkung auf böse Geister.





Sonntag, 8. Juni 2014

Verwechslung mit Giftpflanzen

Die Blätter des Bärlauch kann man Essen.
Die Blätter des Maiglöckches lösen Herzrasen,
Ödeme, Durchfall und Erbrechen aus bis hin
zu Atemnot, Kreislaufkollaps, Herzstillstand.
Nicht umsonst dauert das Botanik-Hauptstudium mindestens 2 Jahre. Gerade als systematischer Botaniker steht man recht lange mit einem Bestimmungsbuch in der Hand in der Natur, um die Feinheiten der einzelen Arten kennen zu lernen. Auch heute noch zücke ich gelegentlich meine "Botaniker-Bibel". Lieber einmal mehr nachschauen, als einmal zu wenig. Es gibt leider in viele Pflanzenfamilien eine ganze Reihe von giftigen Doppelgängern, die Hobby-Sammler recht schnell verwechseln können - ist das nun ein Wiesen-Kerbel oder ein Schierling? Ein Löwenzahn oder ein Jakobskraut? Ein Bärlauch, ein Maiglöckchen, ein Aronstab oder gar eine Herbstzeitlose? Sammeln und essen sollte man nur solche Pfanzen, bei denen man sich absolut sicher ist. Viele giftige Doppelgänger kann man anhand einfacher Unterscheidungsmerkmale recht rasch erkennen und ich könnte Euch hier nun Unmengen an Informationen liefern, z.B. dass man Bärlauch und Maiglöckchen einfach durch eine Riechprobe der zermatschten Blätter unterscheiden kann, an der Textur, sie etwas zeitversetzt auftreten usw.  aber viel besser als die graue Theorie, ist die Praxis. Ihr solltet schauen welche kräuterkundigen Biologen sich bei Euch in der Umgebung finden und einfach mal ein paar Wanderung mit denen mitmachen. Nach und nach werdet Ihr immer sicherer und Euer Repertoire von essbaren Wildpflanzen erweitert sich zusehens. Auch mir mit kann man eine solche Wanderung unternehmen. Und keine Angst: 10000 Rezepte für gruseligen Tee und Horrorgeschichten erwarten euch bei mit sicher nicht - es sei denn Ihr wollt das so :-)
Es gibt eine ganze Reihe wirklich schöner Bestimmungsbücher, allerdings muss ich sagen, dass ich Pflanzen wie die Disteln kenne, denen Aussehen von Standort zu Standort so stark schwanken kann, dass ich mir bei einen bebilderten Bestimmungsbuch manchmal selbst nicht sicher bin, ob es nun wirklich diese Pflanzenart ist, wenn ich nur nach den Bildern gehen würde. Dennoch ist als Einstieg ein solches Buch sicher eine gute Möglichkeit, die einen oder anderen Pflanzen und ihre Tücken kennen zu lernen. Ein schönes, empfehlenswertes Buch dazu ist Wildkräuter und ihre giftigen Doppelgänger: Wildkräuter sammeln - aber richtig.

Es gibt immer mal wieder schwere Vergiftungen, weil sich Sammler irren und z.B. statt eines Beinwells die Blätter des Fingerhuts sammeln. Weitaus häufiger als die Vergiftung mit Giftpflanzen,  sind allerdings die Vergiftungen mit Pilzen.
Habt Ihr auch nur den geringsten Zweifel, dass dies nicht die Pflanze ist, die Ihr sucht, lasst lieber die Finger davon. Das ist der wohl wichtigste Rat, sowohl bei Pflanzen, als auch Pilzen.


Tipp: Nehmt auf den geführten Kräuterwanderungen immer Euer bevorzugtes Bestimmungsbuch mit und vergleicht die Beschreibungen und Bilder mit dem, was euch der Kräuterkundige Euch erzählt und mit dem was Ihr vor Euch seht. Bleibt immer kritisch und hört nicht auf Fragen zu stellen und selbst nachzudenken. So lernt Ihr, die Theorie mit der Praxis zu vergleichen und wisst, was ihr vom Buch, dem Kräuterkundigen und eurem eigenen Wissenstand zu halten habt. Eigenverantwortung ist extrem wichtig, vor allem wenn es zu den Grenzgängern der Giftpflanzen geht.